Ermutigen statt entmündigen

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Bei den Freien Demokraten geht es aufwärts. Im Vorfeld des FDP-Bundesparteitages spricht Generalsekretärin Nicola Beer über das nächste Ziel: Die FDP zur modernsten Mitmach-Partei Deutschlands zu machen. Das gehe, „indem man den Mut hat, Strukturen zu öffnen und intensive, kontroverse Diskussionen zuzulassen“, erklärt sie im Interview mit den „Ruhr Nachrichten“. Die Freidemokratin betont: „Wir wollen nicht nur Argumente bei den Menschen abladen, sondern zuhören und ins Gespräch kommen.“

Aus Sicht der FDP-Generalsekretärin sind die Bürger von abgehobener Politik ermüdet. Die Menschen hätten das Gefühl bekommen, dass es nichts mehr bringe, zur Wahl zu gehen. „Das muss ein Warnsignal sein“, unterstreicht Beer mit Blick auf die niedrige Wahlbeteiligung in Bremen. Auch die schleichende Entmündigung der Bürger gelte es zu bekämpfen. „Momentan wird der Bürger von der großen Koalition als der kleine Mann betrachtet“, stellt sie fest. Die Freien Demokraten wollten die Menschen hingegen ermutigen und selbstbewusst machen. „Es ist ein Teil der freidemokratischen Seele zu sagen, ich möchte aus eigener Kraft vorankommen. Wir sagen: Glaube an dich, deine Potenziale, deine Träume.“

Interview mit Nicola Beer

Inwieweit ist der Erfolg der parteilosen Spitzenkandidatin Lencke Steiner in Bremen ein Paradebeispiel für das Konzept der Mitmach-Partei?

Lencke Steiner hat gezeigt, dass die FDP auch für Quereinsteiger attraktiv ist, dass sie bei uns unmittelbar mitmachen können. Mittlerweile ist Lencke Steiner FDP-Mitglied geworden. Nachahmer sind herzlich willkommen.

Die FDP setzt auf die Karte Bürgerbeteiligung. Wie wird man zur Mitmach- Partei?

Indem man den Mut hat, Strukturen zu öffnen und intensive, kontroverse Diskussionen zuzulassen. Wir wollen nicht nur Argumente bei den Menschen abladen, sondern zuhören und ins Gespräch kommen. Ich glaube, dass die Bürger ermüdet sind von einer Politik, die sie als abgehoben wahrnehmen. Dass Menschen das Gefühl bekommen, dass es nichts mehr bringt, zur Wahl zu gehen. Das muss ein Warnsignal sein.

Was muss der Bürger mitbringen, um die Demokratie mitzugestalten?

Momentan wird der Bürger von der großen Koalition als der kleine Mann betrachtet. Das geht in Richtung Entmündigung, wo man den Bürgern erklärt, die Welt ist so komplex, das überblickst du nicht mehr. Das bedeutet im Umkehrschluss, der Bürger wird klein gemacht und als unfähig dargestellt – was er für uns Freie Demokraten nicht ist. Für uns gilt: Jeder hat das Potenzial, die Gesellschaft voranzubringen.

Aber wollen nicht auch viele Bürger diese bequeme Lösung?

Natürlich ist es immer anstrengender, sich selbst für einen Weg zu entscheiden und möglicherweise zu scheitern. Aber es ist auch die unglaubliche Chance, das Leben selbst zu gestalten. Es ist ein Teil der freidemokratischen Seele zu sagen, ich möchte aus eigener Kraft vorankommen. Wir wollen die Menschen selbstbewusst machen, wir sagen: Glaube an dich, deine Potenziale, deine Träume.

Ist der Weg zur Mitmach-Partei auch der Entwicklung geschuldet, dass der FDP auf Regierungsebene eine Bühne fehlt?

Es ist die Einsicht, dass wir in der Vergangenheit die Gespräche mit den Bürgern zu wenig gesucht und geführt haben. Deshalb wollen wir die Partei öffnen, gerade auch für Quereinsteiger. Wir bauen uns jetzt eine solide Basis auf, um Menschen wieder von der FDP zu überzeugen.

Große Bürgerbeteiligung geht oft mit öffentlichen Diskussionen einher. Ist es eine Gefahr, dass dabei Themen zerredet werden?

Man muss im Prozess darauf achten, dass nicht nur geredet wird, sondern dass es Ergebnisse gibt. Man muss den Prozess strukturieren, muss transparent machen, wie man zu dem Ergebnis gekommen ist. Sonst droht das Schicksal der Piratenpartei.

Werden politische Diskussionen zu schnell als Streit ausgelegt?

Wirklich gute Lösungen entstehen nur aus intensiven Diskussionen, die auch Meinungsunterschiede zulassen. Man muss deutlich machen, dass eine allgemeine Konsens-Soße nachher mehr lähmt, als dass sie positive Entwicklungen vorantreibt.

Denkt man an die Pediga-Demos, kann man den Eindruck gewinnen, dass sich Menschen besonders engagieren, wenn es um Ängste geht. Will die FDP das ausnutzen?

Nein. Wir wollen uns der Sache genau von der anderen Seite aus nähern. Es gibt Parteien in diesem Land, die auf Ängste setzen, um Menschen zu mobilisieren. Freie Demokraten sind das genaue Gegenteil. Wir sagen: Du hast deine Stärken, sei mutig und bau sie aus! Wir können immer mehr erreichen, wenn wir an uns glauben, als wenn wir uns Ängsten hingeben.

Wie kann man die Menschen aus dieser ängstlichen Position herausholen?

Man muss ihnen vermitteln, dass ihnen nichts weggenommen wird, nur weil zum Beispiel Flüchtlinge unterstützt werden. Dass das keine Bedrohung ist, weil jeder seine eigenen Chancen hat. Die Flüchtlinge kommen aus gutem Grund zu uns. Sie fliehen vor Verfolgung und Gefahren, kommen aber auch, weil sie für sich und ihre Kinder eine Zukunft aufbauen wollen.

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