Schüler führten über jüdischen Friedhof

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„Eine vorbildliche schulische Initiative des Gymnasium Ernestinum“ nannte der FDP-Fraktionsvorsitzende Joachim Falkenhagen die Führung durch Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums über den Jüdischen Friedhof, die am 22.07.2014 von einer überraschend hohen Anzahl von Besuchern wahrgenommen worden ist. Falkenhagen betonte, dass gerade in einer Zeit sich ausbreitender antijüdischer Demonstrationen die Verbundenheit zu Israel deutlich gemacht werden muss.
„Ich kann Moslems verstehen, die sich für den Frieden und die Sicherheit im Gaza-Streifen einsetzen. Die den Moslems in Deutschland zustehenden Freiheiten dürfen allerdings nicht zu hetzenden und Menschen verachtenden antisemitischen Parolen oder Verhaltensweisen führen, die Straftatbestände wie Volksverhetzung zum Gegenstand haben können“, so Falkenhagen.

Hier der Text der Einladung des Gymnasiums Ernestinum:

Die Idee zu diesem Vorhaben kam uns im Zusammenhang eines fächerübergreifenden Projekttags. Am 19/05/2014 besuchten die Ev. Religions-Klasse 10G (Frau Marxen-Glauner) und die Hebräisch-AG des Ernestinums (Herr Dr. Dr. Dobberahn) die Celler Synagoge und den jüdischen Friedhof. Das Kennenlernen von ca. 20 beispielhaften Grabsteinen (in deutscher Übersetzung) ermöglichte uns eine Reihe von interessanten Einblicken in die Ortsgeschichte des Celler Judentums, das seit dem 17. Jahrhundert hier ansässig ist. Unsere Erfahrungen möchten wir gerne einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Anna Jorina Stumpf schreibt in ihrem Bericht über diesen Projekttag: „Ich finde es wichtig, dass auch andere davon erfahren, dass wir in Celle überhaupt einen jüdischen Friedhof haben und dass das Interesse dafür geweckt wird, wie es der jüdischen Bevölkerung in Celle ergangen ist.“ Hierfür war uns nicht nur der Wortlaut der Inschriften hilfreich, sondern auch die ausdrucksstarke Bildsymbolik auf den Grabsteinen, die Auskunft gibt über das geistliche Leben und den soziokulturellen Status des traditionsreichen Celler Judentums. Auffällig und lesenswert ist auch, mit welcher Liebe und Verehrung die Grabinschriften die Vorzüge der Verstorbenen schildern, was auf christlichen Grabsteinen nicht üblich ist. Die Kurzanalyse der Grabsteine gibt allen Interessierten Gelegenheit, Einblicke in das Leben und Wirken vieler jüdischer Einzelpersönlichkeiten und -schicksale zu gewinnen und etwas über die jüdischen Bestattungs- und Trauerbräuche zu erfahren.

Um hier einen kleinen Einblick zu geben, was einen auf dem jüdischen Friedhof in Celle erwartet: Weitverzweigte jüdische Familien, die erheblich über den Celler Landkreis hinaus die Geschichte des Königreichs Hannovers mitgestaltet haben (z. B. die Familie des Hofagenten Isaak Jakob Gans), haben hier ihre Verstorbenen bestattet. Man stößt sogar auf eine Vorfahrin von Heinrich Heine und ein Mitglied der Familie Schaul-Wahl, die im August 1587 für einen Tag den König von Polen stellte.

Zu den Besonderheiten des jüdischen Friedhofs gehört auch der Grabstein Nr. 231, den die Hebräisch-AG des Ernestinums vorstellte. Der Grabstein Ribqa (Edita) Rosenwassers (1926- 1945), einer Überlebenden des KZs Bergen-Belsen, fällt u. a. durch den sehr frühen und spezifischen Gebrauch des Wortes „Schoah“ auf.

Grabstein 231

„Schoah“ wird überlicherweise mit „Sturm, Donner, Untergang, Katastrophe“ übersetzt. Da der Terminus „Schoah“ noch zu abschwächend, neutral klingt, wird ihm in der Inschrift das Adjektiv „ha-ayomah“ = „schrecklich, furchtbar“ hinzugesetzt. Außerdem wird ihm der bestimmte Artikel („ha-“) vorangestellt, um sicherzustellen, dass es sich nicht um irgendeine „Katastrophe“, sondern um genau diesen unvergleichlichen, national¬sozialistischen Völkermord handelt. Normalerweise wird von der Forschung der einfache Gebrauch des Wortes „Schoah“ im Judentum erst ab 1948 als etabliert angesehen.

Der Besuch der Synagoge und des jüdischen Friedhofs hat uns sehr zum Nachdenken angeregt, so dass wir unsere Erfahrungen weiter geben und darüber auch diskutieren möchten. Ruth Rohde schrieb in ihrem Bericht: „Wir beendeten einen aufschlussreichen Tag, an dem wir vielleicht nichts über Sinusfunktionen, aber doch einiges über unsere unmittelbare Umgebung und eine zunächst so fremd scheinende und doch so ähnliche Kultur gelernt haben, die immer noch da ist. Mitten unter uns.“