Die Bürger haben die Freien Demokraten im Bund vermisst
21. September 2017
Wir müssen aus den Schützengräben des Wahlkampfes heraus
2. Oktober 2017
alle anzeigen

Ein grandioses Comeback und neue Herausforderungen

 

Es waren Szenen von Euphorie und Dankbarkeit: Bei der Bundestagswahl haben die Freien Demokraten ein hervorragendes Ergebnis von 10,7 Prozent erzielt. Neben hunderten Gästen waren auch zahlreiche Medienvertreter beim Wahlabend im Hans-Dietrich-Genscher-Haus vor Ort. An dieser Stelle die Reaktionen der Presse auf den Erfolg und ihre Prognosen für die anstehenden Gespräche unter den Parteien.

„Am Anfang ist es unbändiger Jubel, der hier ausbricht“, berichtet Stefan Braun für die Süddeutsche Zeitung. „Die FDP zurück im Bundestag – und dann mit einem solchen Ergebnis?“ Natürlich fühle sich dies großartig an für eine Partei, die früher für tot erklärt worden sei, betont er. „Glück, Genugtuung, Befreiung – es ist von allem etwas, das sich jetzt auf den vielen zufriedenen Gesichtern in der Berliner Parteizentrale abzeichnet. Sie haben hier etwas geschafft, was viele für unmöglich hielten.“

Auch Markus Ackeret von der Neuen Zürcher Zeitung hält den Jubel fest: Der Parteichef sei nach jedem Satz vom Applaus unterbrochen worden. Lindners Ziel: „Die vier Jahre in der außerparlamentarischen Opposition sollten die ersten und letzten in der Geschichte der Partei sein.“ Die FDP dürfe für sich in Anspruch nehmen, dass sie, zusammen mit den Grünen, die einzige Partei gewesen sei, „die nicht das ‚gute Gestern‘ beschwor, sondern fast schon aggressiv Zukunft und Fortschritt ansprach und sich zugleich nicht scheute, nach allen Seiten auszuteilen“, schreibt Ackeret.

„Die Rückkehr in den Bundestag nach vier Jahren Abgeschnittenheit von ökonomischen und medialen Ressourcen ist allein schon eine Leistung, die Christian Lindner in die Parteigeschichte eingehen lässt“, konstatiert Peter Unfried in der taz. Eines der zentralen Versprechen des Parteichefs und Spitzenkandidaten bestehe in der Läuterung der Partei vom Vorwurf des Machtopportunismus. „Lindners FDP soll maximal ihren Inhalten und Wählern verpflichtet erscheinen. Weshalb er schon in Nordrhein-Westfalen nach der Mehrheit für Schwarz-Gelb das Gemeinsame und Trennende erst mal schön in der Balance hielt, ehe die Koalition dann doch zustande kam.“

Der Wahlerfolg sei der größte Triumph Lindners politischen Lebens und der Beweis, dass die Deutschen die Stimme der FDP wieder hören wollten, verdeutlicht Julia Emmrich in der Berliner Morgenpost. „Und es könnte am Ende ein doppeltes Comeback werden: Wiedereinzug ins Parlament, Rückkehr auf die Regierungsbank. Nach der Absage der SPD an eine Neuauflage der Großen Koalition läuft nun vieles auf ein Dreierbündnis aus Union, FDP und Grünen hinaus.“ Die Freien Demokraten hätten nun harte Arbeit vor sich. Denn eines wollten sie auf keinen Fall: „Mit einem guten Ergebnis gewählt werden und sich dann in einer Koalition mit der Union verzetteln, verschleißen und schließlich verzwergen, so, wie zwischen 2009 und 2013 geschehen.“

„Selbst dann, wenn die FDP nicht Teil einer Koalition werden sollte, wird denjenigen, die durchgehalten haben über die vier Jahre außerparlamentarischer Opposition, nur eine winzige Verschnaufpause vergönnt sein“, gibt Eckart Lohse in der F.A.Z. zu bedenken. Auch in der Opposition stünde eine anstrengende Zeit bevor. „Als Opposition müsste die FDP eine schwierige Gratwanderung bewältigen: Sie müsste selbstbewusst auftreten, um vor allem neben der AfD, die viel Aufmerksamkeit bekommen wird, nicht in Vergessenheit zu geraten. Gleichzeitig dürfte sie nicht schrill und auf ständiger Suche nach Krawall sein.“

Auch Spiegel-Autor Severin Weiland wirft einen Blick auf die künftigen Machtverhältnisse. „Das Ergebnis der Bundestagswahl wird Lindner vor Herausforderungen stellen, sobald CDU und CSU die Liberalen und die Grünen zu Sondierungsgesprächen bitten. Und das dürfte bald geschehen und dem FDP-Chef einiges abverlangen.“ Lindner habe zwar erfolgreich eine schwarz-gelbe Koalition in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen verhandelt. „Doch das hier ist der Bund, hier geht es um Auswirkungen auf das ganze Land, auch auf Europa.“

„Für die FDP wäre schon der Sprung aus der außerparlamentarischen Opposition in eine schwarz-gelbe Regierung – für die es keine Mehrheit gibt – ein Kraftakt. Schwarz-Gelb-Grün aber wäre eine Herkulesaufgabe“, schreibt Thorsten Jungholt in der Welt. Die FDP sei auf ein klares liberales Profil in einer Regierung angewiesen. „Es braucht viel Fantasie, sich vorzustellen, wie das in einem Bündnis mit so unterschiedlichen Partnern wie CSU und Grünen erreicht werden soll.“ Viel Zeit zum Feiern bleibe also nicht: „Das Comeback ist geschafft, jetzt wartet die Verantwortung – in welcher Form auch immer.“

„Christian Lindner und die FDP haben ein grandioses Comeback hingelegt“, findet auch Ruppert Mayr von der dpa. Wenn es keine große Koalition gebe, könnten die Freien Demokraten bei einer Regierungsbildung „ein gewichtiges Wörtchen mit zu reden“ haben. Mayr nimmt die Hürden für eine mögliche Jamaika-Koalition unter die Lupe: „FDP-Chef Lindner hatte kurz vor der Wahl nochmals deutlich gemacht, was er unbedingt umgesetzt haben will: Kein Ende des Verbrennungsmotors – und schon gar nicht bis 2030, wie die Grünen das wollen. Zudem will er endlich ein Einwanderungsgesetz und keine Schuldenvergemeinschaftung im Euroraum. Das scheint nicht unzumutbar.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.